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Gastkommentar des Botschafters für Oberösterreichische Nachrichten
Veröffentlicht am 09 Mai 2020 Jahr 09:30

DAS ECHO DES KRIEGES

In meiner sowjetischen Kindheit hieß eines der populärsten Spiele ganz einfach: „Krieg“. Wir teilten uns in zwei Gruppen: „Unsere“ und „Faschisten“. „Unsere“ mussten, natürlich gewinnen und die „Faschisten“ mussten – dramatisch wie möglich – sterben. In unserem angebrannten Land war der 2. Weltkrieg auch Jahrzehnte später allgegenwärtig: in Spielen, im Fernsehen, in Filmen und Musik.

Wir, Buben, schwärmten von einem Krieg, in dem wir das Leben für unsere Heimat geben würden – so heldenhaft wie unsere Opas. Und machten uns insgeheim lustig über unsere Omas, die bei jedem Familientreffen den ersten Toast für den Frieden ausbrachten.

Erst später erfuhr ich, dass mein Großonkel Wolodymyr 18-jährig als Rotarmist in Polen starb und mein Großonkel Wassyl – 23-jährig in Österreich. Das Porträt Wassyls hing ganz zentral im Hause meiner Oma. Und vom 18-jährigen Wolodymyr ist nicht einmal ein Porträt geblieben.

Ich habe irgendwo gelesen, dass nur 3% der sowjetischen Männer des Jahrgangs 1923 den Krieg überlebt hatten. Wir nennen diese Leute „die Siegergeneration“. Ohne ihr Opfer gäbe es keinen Sieg. Ohne sie hätte die Geschichte ganz anders verlaufen können.

Und ja, Europa wurde nicht nur durch „Russen“ befreit, sondern durch Millionen Vertreter anderer Völker der Sowjetunion – Ukrainer, Weißrussen, Juden, Krimtataren… Sie alle gaben ihr Leben, um dem Hitlerismus das Genick zu brechen. Dieser Sieg war ihre gemeinsame Heldentat. Manche von denen waren Russen und manche nicht. Warum dann liegen sie öfters auf „Russenfriedhöfen“ und nicht auf „Friedhöfen der Roten Armee“? Warum verhält man öfters in Europa als wäre das ein Sieg Russlands, mit dem andere postsowjetische Staaten nichts zu tun haben?

Ich danke dem Schwarzen Kreuz Tirol, das auf meine Bitte den sowjetischen Teil des Soldatenfriedhofs Amras umbenannt hat. „Hier ruhen Soldaten der Roten Armee“ – steht jetzt dort. Würdevoll und gerecht. Gerechtigkeit ist das mindeste was diejenigen verdienen, die im Kampf gegen Faschismus alles gegeben haben. 

Leider leben wir in einer Zeit, in der Jubiläen weniger angebracht sind als trauriges Nachdenken. Die Nachkommen der „Siegergeneration“, die Ukrainer und Russen, sind durch einen neuen Krieg geteilt. Nach der Krim-Annexion und nach dem unerklärten Krieg in Donbas sind wir nicht mehr „unsere“ für einander. Wie ist es dazu gekommen? Warum lebt Europa wieder in einer Realität, wo Annexionen und KZs möglich sind? Warum sind Aggression, Rechtspopulismus und Neonazismus weltweit auf Vormarsch?

Wie es scheint, haben wir aus diesem Krieg einige Dinge doch nicht gelernt. Insbesondere: ein Krieg ist das extreme Böse, das aus banalen, alltäglichen Dingen wächst. Zum Beispiel, aus Hasspredigten im TV, aus Hass im Netz, aus Feigheit, Geiz, politischer Heuchelei. Und je ehrlicher man heute mit dem banalen alltäglichen Bösen umgeht, desto weniger muss man später mit extremen Bösen zu tun haben.

Am 8. und 9. Mai werde ich nicht nur auf die Siegergeneration trinken, sondern auch auf die Weisheit der „Babuschkas“. Sie hatten damals recht: der erste Toast muss immer auf Frieden sein.

https://www.nachrichten.at/meinung/kolumnen/die-sicht-der-anderen/das-echo-des-krieges;art200719,3256593

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